Laura – eine Hundefängerin und ihre Gedanken….

Laura Antal (27 J.) ist Hundefängerin der Stadt Ajka in Ungarn. Sie übernahm diesen „Job“ nachdem die ehemalige Hundefängerin entlassen wurde mit einem einzigen Wunsch in ihrem Herzen: Den Hunden zu helfen. Ajka ist eine Tötungsstation, das dürfen wir nicht vergessen und Laura ist Tierschützerin mit Leib und Seele. Sie tut alles dafür, dass dort keine Hunde mehr getötet werden müssen und steht permanent unter dem Druck, die Insassen möglichst in Sicherheit zu wiegen, Idealerweise in ein neues und verantwortungsvolles Zuhause.

Laura lässt uns mit diesen Zeilen an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben. Diese Zeilen berühren und lassen erkennen, wie sich Tierschützer fühlen in einem Land, in welchem Tierschutz vielerorts noch ein Fremdwort ist. Sie sind bewegend, ein Hilfeschrei, ein Bekenntnis und ein Hoffnungsschimmer.


Immer wieder werden wir gefragt, warum wir neben dem regionalen Tierschutz auch Hunden aus dem Ausland helfen….
Hier ist eine Antwort:

Ich sehe noch kein Licht…
Angekettete, alleine gelassene Hunde und Katzen in den Wäldern, in den Dörfern, in den Städten.
In Tötungsanstalten siechende, auf die Einschläferung wartende Hunde, dutzendweise zerstreute, verlassene, hoffnungslose Jungtiere.
Wegen ihrer Brunst weglaufende Vierbeiner, Massen an trächtig rausgeschmissenen Hündinnen und Katzen.
Eisenfässer, meterlange Ketten, Hinterhöfe, hervorstehende Rippen, dreckige, leere Gefäße.
Ein Tierschutz-Genrebild aus Ungarn. Nach gewisser Zeit ist es belastend. Es ist bedrückend. Du kannst nicht aussteigen, sie können nämlich nur auf dich zählen. Es ist belastend und bedrückend! Für Jeden (oder viel eher für Niemanden) sich um die Hunde kümmern, ihr Leiden, ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung, ihre Ausgeliefertheit nachvollziehen. Sehen, wie sie mit dem Schwanz wedeln, wie die Hoffnung gegenüber den MENSCHEN in ihren Augen aufblitzt. Sie verstehen unsere Worte nicht, ich kann ihnen nicht sagen: Weißt du, dein Besitzer ist in eine andere Wohnung gezogen, er konnte dich nicht mitnehmen, es wäre zu anstrengend gewesen, dich mit deinem dreckigen Fell in die neue Wohnung mitzunehmen. Oder: Weißt du, du hattest kein Glück, du bist als Hündin geboren, du bist ständig trächtig, du kannst dir doch vorstellen, dass dein Besitzer es nicht länger ausgehalten hat, es ist ja nicht einfach die Welpen mit einer Schaufel totzuschlagen, man hat ja auch ein Herz, so ist es besser, ohne dich, sie werden zwar wieder ein Hund haben, du bist aber nun überflüssig geworden, usw.Sie verstehen unsere Worte nicht (zum Glück), sie schauen sich aber unsere Bewegung an. Wenn man die Hand beim Gitter hineinsteckt, riechen sie es, wie man ist. Und auch Du spürst, was sie sagen wollen. Ihre Haltung, ihre Blicke, ihr Wedeln mit dem Schwanz, wie sie das Futter vorsichtig aus deiner Hand nehmen, damit sie dich nicht beißen, verraten es. aramis2Sie sind aber sehr hungrig. Das Futter in der Tötungsanstalt ist sehr wenig. Es ist nur so viel, damit sie nicht verhungern, sie nehmen nur ab, werden schwächer. Auch die Tierheime sind gefüllt. Egal wen Du im Land anrufst. Sie sind überfüllt, das Geld ist zu wenig, es gibt immer mehr bedürftige Vierbeiner, die Aussichtslosigkeit ist immer größer. Es gibt und wird auch keinen Durchbruch geben, solange die Behörden bei der schrecklichen Tierquälerei ein Auge zudrücken, solange jeder an jeder Stelle seinen Hund, seine Katze ohne Konsequenzen (sie haben keine Kennzeichnung) wegwerfen kann, solange das Auf-den-Boden-Werfen, das Ertränken, das lebend-Begraben eine gängige Praxis der Geburtenkontrolle ist, solange in unseren Dörfern jeder seine überflüssig gewordenen Tiere erschießen kann, solange es Tierärzte gibt, die auf Wunsch des Besitzers gesunde Tiere einschläfern, solange die Polizei bei Anzeigen zur Tierquälerei dem Anzeiger die Antwort gibt, dass er die Tierschützer (zivile) anrufen soll, es ist ihre Aufgabe, sich darum zu kümmern, solange wird es keine Ordnung geben, solange werden unzählige unschuldige Tiere verenden. laura2Solange bleibt der belastende und bedrückende Kampf einiger, für verrückt gehaltenen Tierschützern. Die schlaflosen Nächte. Die tägliche Konfrontation mit der Unwissenheit, der Dunkelheit, der Sorglosigkeit.Jeder braucht sie, weil es schon immer so war, es ist egal, wenn weder das Geld, noch die Zeit für die Haltung der Partnertiere ausreicht. Man braucht sie, weil sie das Haus hüten. Man braucht sie, weil sie dienen. Im Gegenzug sollen sie froh sein, dass sie nicht erschlagen werden. Danach braucht man sie mindestens genauso wenig, weil sie überflüssig geworden sind, weil es zu viel ist, weil man sie ständig ausputzen muss, es ist ein Problem, dass sie trächtig geworden sind, wir ziehen um, sie sind zu groß geworden, sie springen zu viel, sie stoßen die Enkelkinder um, sie graben Löcher, sie bellen zu viel, sie bellen überhaupt nicht, sie sind tollpatschig, sie haaren, sie haben Flöhe, sie sind krank, sie sind alt, sie taugen zu nichts mehr. Ich möchte meinen Hund abgeben, weil er überflüssig geworden ist, wir wollen ihn loswerden, wenn er nicht angenommen wird, dann bin ich gezwungen, ihn auszusetzen, ihn zu erschießen, ihn einzuschläfern, ich werde ihn nicht verkaufen, verkaufen sie ihn, es ist ja schließlich ihre Aufgabe, die Tierschützer bekommen lauter Anrufe mit solchen Sprüchen zu hören. laura3Es gibt auf der ganzen Welt kein so großes Tierheim, wo man so viele überflüssig gewordene und verantwortungslos vermehrte Hunde und Katzen unterbringen könnte, denn die genannten Mitmenschen würden schon dafür sorgen, dass der Nachwuchs im Hintergrund immer und immer wieder am Waldrand ausgesetzt, an ein Baum angebunden, verlassen wird. Und wenn endlich jemand nicht ein Tier abgeben sondern annehmen möchte, selbst dann sollst du dich noch nicht freuen! Man kann zwar ab und zu einen vernünftigen, gutmütigen Tierfreund finden, der einen vierbeinigen Begleiter sucht und weiß, dass er damit auch einem Tier hilft, dass wegen eines Mitmenschen in Schwierigkeiten geraten ist. Meistens haben die potenziellen Besitzer keine Tierschutzgedanken und keinen Drang zur Hilfe, sie wollen nur kostenlos einen rassenreinen Hund (möglichst Welpe), damit sie zu den Hund, den sie bereits haben, einen ähnlichen bekommen, nur mit dem anderen Geschlecht, weil sie es züchten möchten oder sie wollen den angekettet verendeten Hund durch einen anderen Glücklosen ersetzen, denn er wird es bei ihnen gut haben, der andere hat die Kette und das Brot auch gemocht, er war nicht wählerisch.

Und die schönsten Worte habe ich zum Schluss gelassen, es berührt mich heute noch, ich habe es bereits unzählige Male gehört, es geht mir aber immer noch nahe. Das ist die Belohnung, wenn du seit Jahren keine Freizeit hast, wenn deine Familie genervt ist, dass du in der Tötungsanstalt lebst, wenn du rettest, organisierst, inserierst, verhandelst, seit Jahren nach oder vor der Arbeit ununterbrochen Feuerwehr spielst, wenn du nur kannst, wenn du es bereits verheimlichst, was du den ganzen Tag machst, weil man dich für blöd hält, dann kommt der Ass, der Trumpf-Satz: warum gibt es sie denn überhaupt?!

Mit dieser schönen Frage wird regelrecht dein ganzes menschliches Dasein in Frage gestellt, denn, wenn du nicht jeden helfen kannst, warum bist du denn dann überhaupt da? Wenn du nicht seine freiwillig angenommenen Aufgaben, seine Verantwortung für die Tiere übernimmst, wenn du ihn nicht im Hintergrund bedienst, damit sein Leben leichter wird, damit er sich nicht um Lösungen Gedanken machen muss, damit er sich nicht anstrengen, inserieren, kastrieren, vorausschauend sein muss und damit er finanziell keine Opfer bringen muss, wozu bist denn sonst da?

Ich gebe, wir geben trotzdem nicht auf!

laura4In meinem Kopf blinken die Hinrichtungstermine für die Hunde, die auf die Einschläferung warten, ich schiebe die Plätze hin und her, wen sollen wir mit wem zusammenlegen, wer kann mit wem, sie werden sich dann mit etwas weniger Platz zufrieden geben müssen, sie werden es schon verstehen, es ist nur eine vorübergehende Unterbringung und keine Endstation.
Sie können nicht vom Menschen enttäuscht werden, denn sie sind voll mit Leben, mit Begeisterung und mit Liebe. Sie begeistern auch uns, deshalb tun wir unsere Aufgaben. Wir sehen zwar immer noch kein Licht am Ende des Tunnels, wir zünden aber überall im Land kleine Kerzen, und nach einer Zeit werden diese kleinen Lichter auch die Hinterhöfe beleuchten, wo die Bellos und Rexis ihre Ketten schütteln und auf den Abend warten, damit ihr Besitzer ihnen einen Knochen gibt.

Vielen Dank für Eurer Aufmerksamkeit.

Laura Antal